Technologie · Smarthome
Ein Haus sammelt schnell Insellösungen: Die Wetterstation hat ihre App, die Lampen ihre, der Router seine Oberfläche, die Kameras ihren Dienst in der Cloud. Jede für sich funktioniert. Zusammen ergeben sie nichts — bis eine Zentrale sie unter ein Dach holt.
Home Assistant ist diese Zentrale: quelloffen, läuft im Haus, spricht mit fast allem. Der eigentliche Gewinn ist nicht die eine App für alles, sondern das, was erst durch die Kombination möglich wird — eine Warnung, die Innen- und Außenklima verrechnet, oder eine Solaranlage, die sich am Verbrauch des Hauses ausrichtet.
Grundhaltung
So viel lokal wie möglich
Die wichtigste Entscheidung fällt vor der ersten Integration: Läuft die Verbindung über einen fremden Server oder im eigenen Netz? Lokale Anbindungen funktionieren ohne Internet, überleben Anbieterentscheidungen und verraten niemandem, wann jemand zu Hause ist. Cloud-Anbindungen sind bequemer und manchmal die einzige Option.
Beides lässt sich mischen — aber bewusst. Eine Automatisierung, die auf einen Cloud-Dienst angewiesen ist, fällt mit dessen Störung aus. Für Licht ist das ärgerlich, für eine Heizungssteuerung ein Problem, für einen Alarm untragbar.
Die Bausteine
Vier Anbindungen, vier Charaktere
Ecowitt
Wetterstation mit Gateway, das seine Messwerte im eigenen Netz ausliefert — Temperatur, Luftfeuchte, Wind, Regen, dazu Bodenfeuchte- und Innensensoren. Home Assistant nimmt die Daten direkt entgegen, ohne Umweg über einen Herstellerdienst.
- Sendeintervall am Gateway festlegen, nicht nur in der App
- Innensensoren sind der eigentliche Schatz: Sie liefern die Werte für die Feuchte-Rechnung weiter unten
- Bei Funksensoren gilt: Batteriezustand als eigene Meldung führen, sonst fehlt irgendwann still ein Messwert
Zigbee
Der Funkstandard für Sensoren und Schalter: batteriesparend, herstellerübergreifend, komplett ohne Internet. Es braucht einen Koordinator-Stick am Rechner — danach sprechen Geräte verschiedenster Marken über dasselbe Netz.
- Den Stick per USB-Verlängerung wegsetzen: direkt am Gehäuse stört USB-3-Elektronik den Empfang messbar
- Netzbetriebene Geräte wirken als Verstärker — sie zuerst einbinden, dann die Batteriesensoren
- Vor dem Kauf prüfen, ob ein Gerät im gewählten Zigbee-Dienst unterstützt wird; „Zigbee“ allein ist keine Garantie
FRITZ!Box
Der Router weiß, welche Telefone im WLAN sind — die zuverlässigste Anwesenheitserkennung ohne Ortungsdienste auf dem Handy. Dazu kommen die DECT-Steckdosen und -Heizkörperregler des Herstellers samt Verbrauchsmessung.
- Anwesenheit entprellen: Handys melden sich im Schlafmodus zeitweise ab und lösen sonst Fehlalarme aus
- Für die Anbindung ein eigenes Benutzerkonto im Router anlegen, nicht das Administrationskonto verwenden
- Die Verbrauchsmessung der Steckdosen liefert nebenbei die Datenbasis, um Stromfresser zu finden
Blink
Der Gegenentwurf: Die Kameras arbeiten über den Dienst des Herstellers, die Anbindung greift auf dessen Schnittstelle zu. Das funktioniert gut und ist der Preis für Batteriebetrieb und einfache Einrichtung.
- Ohne Internet keine Funktion — für sicherheitsrelevante Abläufe deshalb nicht als einzige Quelle einplanen
- Bewegungsmeldungen eignen sich als Auslöser, taugen aber nicht als verlässlicher Anwesenheitsnachweis
- Wer vollständig lokal arbeiten will, braucht Kameras mit offenem Videostrom und eine eigene Auswertung
Anwendung 1
Die Schimmelwarnung: Lüften, wenn es hilft
Die verbreitete Regel „bei hoher Luftfeuchte lüften“ ist im Winter oft richtig und im Sommer regelmäßig falsch. Der Grund: Die relative Luftfeuchte sagt nichts darüber aus, wie viel Wasser die Luft tatsächlich enthält. Warme Sommerluft mit 70 % relativer Feuchte trägt deutlich mehr Wasser als kalte Winterluft mit 90 %. Wer im Sommer den feuchten Keller mit Außenluft „trocknet“, trägt Wasser hinein.
Die richtige Vergleichsgröße ist die absolute Luftfeuchte in Gramm pro Kubikmeter. Nur wenn draußen absolut weniger Wasser in der Luft ist als drinnen, trocknet Lüften. Genau diese Rechnung nimmt Home Assistant ab — Innensensor und Außenstation liefern die Werte, ein berechneter Sensor macht daraus eine Zahl:
Absolute Luftfeuchte aus Temperatur und relativer Feuchte
template:
- sensor:
- name: "Absolute Feuchte innen"
unit_of_measurement: "g/m³"
state: >
{% set t = states('sensor.innen_temperatur') | float %}
{% set rh = states('sensor.innen_luftfeuchte') | float %}
{{ (216.7 * (rh / 100 * 6.112 * e ** (17.62 * t / (243.12 + t))
/ (273.15 + t))) | round(2) }}
Derselbe Sensor noch einmal mit den Außenwerten der Wetterstation — und die Empfehlung ist eine Subtraktion. Sinnvoll ist ein Schwellwert statt eines exakten Vergleichs, damit die Meldung bei kleinen Schwankungen nicht flattert:
Lüftungsempfehlung mit Hysterese
- name: "Lüften sinnvoll"
state: >
{% set innen = states('sensor.absolute_feuchte_innen') | float %}
{% set aussen = states('sensor.absolute_feuchte_aussen') | float %}
{{ 'ja' if (innen - aussen) > 1.0 else 'nein' }}
Der zweite Teil: nicht die Raumluft ist das Problem, sondern die Wand
Schimmel entsteht nicht bei hoher Raumluftfeuchte, sondern dort, wo warme feuchte Luft auf kalte Oberflächen trifft — Außenecken, Fensterlaibungen, ungedämmte Bereiche hinter Möbeln. Maßgeblich ist die relative Feuchte an dieser Oberfläche: Ab etwa 80 % über längere Zeit wird es kritisch, lange bevor irgendwo Wasser sichtbar kondensiert.
Wer die kalte Stelle kennt, misst dort mit einem kleinen Funksensor und lässt sich warnen. Wer sie nicht kennt: Ein Infrarot-Thermometer an einem kalten Wintertag findet sie in zehn Minuten. Ersatzweise lässt sich der Taupunkt der Raumluft berechnen und mit einer geschätzten Wandtemperatur vergleichen — genauer ist die echte Messung.
Praktischer Hinweis aus dem Betrieb: Die Meldung sollte nicht dauernd erscheinen, sondern beim Wechsel des Zustands. Eine Benachrichtigung „jetzt wäre Lüften sinnvoll“, die zweimal täglich kommt, wird befolgt; dieselbe Information als Dauerwarnung wird ignoriert.
Anwendung 2
Nulleinspeisung: erzeugen, was gerade gebraucht wird
Wer eine kleine Solaranlage betreibt und keine Vergütung für Überschuss bekommt, will nicht ins Netz einspeisen, sondern genau so viel erzeugen, wie das Haus verbraucht. Das ist ein Regelkreis, und er besteht aus drei Teilen.
-
Messen, was am Hausanschluss passiert
Ein Zähler am Netzübergabepunkt liefert die Leistung mit Vorzeichen: positiv bei Bezug, negativ bei Einspeisung. Diese eine Zahl ist die Regelgröße. Wichtig ist die Aktualisierungsrate — ein Wert alle zehn Sekunden führt zu trägem Nachlaufen, ein Wert pro Sekunde erlaubt sauberes Regeln.
-
Die Erzeugung begrenzen können
Der Wechselrichter muss sich in seiner Ausgangsleistung drosseln lassen. Bei Modulwechselrichtern übernimmt das eine kleine quelloffene Steuerung wie OpenDTU oder AhoyDTU, die per Funk mit dem Gerät spricht und ein Leistungslimit setzt.
-
Beides verbinden
Eine Automatisierung in Home Assistant liest den Zählerwert und setzt daraus das neue Limit. Kein exakter Nullpunkt, sondern ein kleiner Restbezug als Ziel — etwa 20 bis 50 Watt. Wer auf genau null regelt, speist bei jeder Lastschwankung kurz ein.
Regelschritt, alle paar Sekunden
alias: Nulleinspeisung regeln
trigger:
- platform: time_pattern
seconds: "/5"
action:
- variables:
bezug: "{{ states('sensor.netz_leistung') | float(0) }}"
limit: "{{ states('number.wr_leistungslimit') | float(0) }}"
ziel: 30 # Watt Restbezug, damit nichts ins Netz geht
- service: number.set_value
target:
entity_id: number.wr_leistungslimit
data:
value: >
{% set neu = limit + (bezug - ziel) * 0.6 %}
{{ [[neu, 0] | max, 800] | min | round(0) }}
Der Faktor 0,6 dämpft die Korrektur: Ohne ihn schwingt die Regelung, weil jede Änderung erst mit Verzögerung im Zähler ankommt. Die Begrenzung nach oben entspricht der Anlagenleistung, die nach unten verhindert negative Werte. Wer es genauer mag, ersetzt das durch einen echten PI-Regler — für den Hausgebrauch reicht diese Form.
Zwei Dinge, die man vorher klären sollte
- Anmeldung. Eine Solaranlage ist anzumelden, auch wenn sie nichts einspeist. Die Nulleinspeisung ist eine Betriebsart, keine Umgehung — die Regeln dazu setzen Gesetzgeber und Netzbetreiber, nicht die Steuerung.
- Verhalten bei Ausfall. Was passiert, wenn die Zentrale abstürzt oder der Zähler keine Werte mehr liefert? Das Limit bleibt dann stehen, wo es zuletzt war. Ein Rückfall auf einen sicheren Wert nach einigen Minuten ohne frische Messwerte gehört in die Automatisierung — sonst regelt niemand mehr, aber die Anlage produziert weiter.
Betrieb
Was ein Smarthome dauerhaft am Leben hält
| Thema | Praxis |
|---|---|
| Sicherungen | Die Zentrale erstellt automatische Sicherungen — sie müssen aber vom Gerät herunter, sonst liegen sie auf demselben Datenträger wie das Original. Und einmal im Jahr eine Wiederherstellung ausprobieren, sonst ist es nur ein Gefühl. |
| Aktualisierungen | Die Zentrale entwickelt sich schnell, gelegentlich mit Änderungen, die Automatisierungen brechen. Nicht blind aktualisieren: kurz in die Anmerkungen zur Version sehen und vorher sichern. |
| Abhängigkeiten kennen | Aufschreiben, welche Automatisierung an welchem Sensor hängt. Wenn ein Gerät ausfällt oder umbenannt wird, ist sonst unklar, was still nicht mehr funktioniert — und Automatisierungen scheitern lautlos. |
| Ausfall einplanen | Licht muss sich am Schalter bedienen lassen, die Heizung am Regler. Eine Steuerung, die im Fehlerfall die Grundfunktion des Hauses blockiert, ist ein Rückschritt gegenüber dem Zustand davor. |
Und ein Rat, der mehr wert ist als jede Integration: anfangen zu messen, bevor man anfängt zu steuern. Ein halbes Jahr Daten über Temperatur, Feuchte und Verbrauch beantwortet die Frage, welche Automatisierung sich überhaupt lohnt — meist eine andere als die, die man zuerst bauen wollte.



